“Kleine Scheißhausgeschichten”
sind ab sofort auch als Ebook erhältlich.

Der Kuenstler

InitialDie weiße Decke betrachtend, lag Leo auf der weichen Polsterung. Er hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und musste an die vielen bunten Linien denken, die eben noch durch sein Hirn gegeistert waren. Ja, die Pause tat ihm gut. So konnte er wieder zu Atem kommen und Kraft für neue Werke sammeln.
Immer, wenn er ein Bild gemalt hatte, fühlte er sich so ausgelaugt und leer. Aber da war dann auch dieses Hochgefühl, denn er hatte etwas Großes geschaffen. Etwas worauf er wieder stolz sein konnte. Außerdem war dieser innere Druck von ihm gewichen.
Die Erinnerung an das Bild, das er eben erst fertig gestellt hatte, lag vor seinem inneren Auge und schien sich über die makellose Decke zu legen. Keine dreißig Minuten hatte er daran gearbeitet. Es bezeugte seinen Genius.
Schnelle, gewagte Striche hatte er mit seinen Stiften und Pinseln gezeichnet, gemalt und gekratzt. Wild und wirr waren sie aus ihm heraus gequollen, hinaus zu einer visuellen Gesamtkomposition, die den Betrachter faszinierten.
Die Kritiker würden seinen Expressionismus lieben! Es war wirklich an der Zeit, eine Galerie zu suchen und seine Kunst einer breiteren Masse zugänglich zu machen. Eine Vernissage mit Sekt –nein, Champagner, Pressefotographen und Prominenz. Vielleicht würden auch ein paar renommierte Kollegen eine Einladung von Leo erhalten. Mal sehen. Er hatte immer solche Angst, dass man seinen Stil kopieren würde. Doch dass seine Kollegen früher oder später seine Bilder als Kunstdrucke sehen würden oder in Büchern entdeckten, ließ sich wohl nicht vermeiden. Er würde sie inspirieren, da war Leo sich sicher.

Seine Kreativität war für heute befriedigt. Schon lange hatte Leo sich nicht mehr seinen Gefühlen so hingegeben. Sein Bild war groß geworden. Sehr groß. Die kleine Leinwand in seinem Zimmer, die sie für ihn bereit gestellt hatten, war einfach zu klein gewesen. Also hatte er links und rechts von der Leinwand einfach auf der nackten Wand weiter gemalt. Doch diese Wände waren nicht genug. Mit einem Stuhl konnte er die Decke erreichen, die mit flinken Bewegungen bemalt wurde. Dann wurde der Boden mit Farbe geflutet. Er presste die Farbtuben leer und griff mit seinen Händen in diese wohltuende feuchte Masse. Mit seinen Fingern drückte er das Gelb und Blau auf das Fenster. 
Er wollte gerade die Tür gestalten, als diese jäh aufgerissen wurde. Seine Pfleger stürmten herein, bewaffnet mit einer Spritze und dieser seltsamen Jacke.

Nun lag Leo hier in diesem Raum. Alles war weich. Die Decke, der Boden, die Wände.
Was im Augenblick noch wichtiger war: Die Wände waren weiß. Was konnte man hier alles malen!

(c) Acabus Verlag

Kleine Scheißhausgeschichten
68 kurzweilige Geschichten (auch) zum Schmunzeln
erschienen im September 2010 als Taschenbuch
im Acabus-Verlag, Hamburg
ISBN: 978-3-941404-64-9

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