|
ie Nacht war über das Land hergefallen und fraß den letzten Lichtstrahl vom Himmel. Zurück blieb undurchdringliche Schwärze. „Mama hat mir von den Sternen erzählt.“ Jenna schluchzte leise. „Es sind weit entfernte Sonnen, sagt sie.“ Der Mann nickte schweigend. Dennoch spürte Jenna, dass er anderer Meinung war. Sie griff nach einem Taschentuch. „Und wenn das Sternenlicht die Erde erreicht, ist es noch ein kleines bisschen Tag.” „Und?“ Der Mann trat einen Schritt auf sie zu. Die Schatten glitten zurück, doch sein Gesicht blieb unscharf und die Konturen seines Körpers verloren sich im Muster der Tapete. „Hat sie dich mit dieser Lüge getröstet?“ Trost. Dieses Wort bedeutete nichts mehr. Die Tatsache, dass Sonnenlicht einer fremden Welt ihr den Tag nicht zurückbringen konnte, war ebenso unabänderlich wie der Tod. „Mama hätte mich niemals angelogen“, protestierte Jenna. Wieder ein Schritt. Nun stand er fast an ihrem Bett. Sie konnte ihn nun besser erkennen. Gekleidet in einem schwarzen Anzug erinnerte er an die vielen Leute, die ihr in den letzten Stunden die Hand gereicht hatten.
„Sie hat dich belogen. Hat sie nicht gesagt, dass sie wieder gesund würde?“ In den Wochen höchster Verzweiflung hatte Mama ihr Hoffnung geschenkt. Ein Strohhalm, an den sich ihre Seele geklammert hatte, obwohl sie sich der Ausweglosigkeit eigentlich immer bewusst gewesen war. „Und?“ Der Mann wiederholte seine Frage. „Hat sie dich mit dieser Lüge getröstet?“ „Sie hat mich nie belogen.“ Er setzte sich an ihr Bett und reichte ihr die Hand. Eine Antwort erwartete er nicht. „Steh‘ auf.“
Sie erhob sich, strich ihr Nachthemd glatt und folgte dem Mann hinaus in den Garten. Dort stand eine Leiter. Ein andermal hätte es Jenna in Staunen versetzt, dass die Sprossen scheinbar endlos in die Höhe führten. Wenn sie die Augen zusammen kniff, konnte sie erkennen, dass das andere Ende der Leiter an das untere Ende des Halbmonds angelehnt war. Schon begann der Mann den Aufstieg. Mit sicherem Tritt erklomm er die ersten Stufen und nach einem Augenblick des Zögerns machte sich auch Jenna daran, den Himmel zu erreichen.
Eine kleine Ewigkeit später erreichten sie den Mond, stellten sich in das Halbrund. Er sah sie an. „Ihr Trost ist nicht von Wert. Die Wahrheit vernichtet ihn.“ Der Mann deutete auf die Sterne, die ganz nah leuchteten. Sie waren gelb. Sie hatten Zacken. Pappe. Lieblos bemalt mit Wasserfarbe. Jenna nahm das Bild in sich auf. Sie drehte sich langsam, um alles zu sehen. Dabei geriet sie ins Taumeln, verlor das Gleichgewicht. Im nächsten Moment fiel sie schreiend hinab.
Das Licht ihres Zimmers ging an. „Was ist los mein Schatz?“ Papa stürmte zu ihr. Seine Augen, gerötet wie die ihren, blickten sie besorgt an. Sie setzte sich auf und schaute zum Fenster. „Mama hat gelogen“, flüsterte sie schließlich. „Die Sonnen der Nacht leuchten nicht mehr für mich. Der Himmel ist nicht echt.“ „Mein Liebes“, sagte Papa, „du hast schlecht geträumt.“
Er öffnete das Fenster und streckte seinen rechten Arm hinaus. „Sieh.“ Mit der Hand griff er das Firmament, riss am Tuch, bis es ihm nachgab. Die Kulisse zerbrach, fiel ins Bodenlose und gab den Blick auf das Sternenzelt frei. Unzählige Sterne strahlten von dort herab.
... und am Horizont erkannte Jenna ein zaghaftes Morgenrot.
(c) Markus Walther
“100 Seiten von Pandora” Seelenfutter für den erwachsenen Leser geplante Fertigstellung 2012
|